Arbeitslosengeld II-Bezieher erstellen Videotrack gegen Diskriminierung

Die Teilnehmer der Integrations-Maßnahme "Mediencenter" haben ein professionelles Musikvideo gegen Diskriminierung erstellt...

Die Teilnehmer in Aktion (klicken um zu vergrößern)

Hier klicken um das Video anzuschauen

<<Different ways, Different love, different lives,
sometimes we are down, sometimes we are high
Different ways, different dreams, different lives
but at the end of the day, we´re under the same sky>>

Sie unterscheiden sich in der Herkunft, der Kultur, der Hautfarbe und dem Alter, doch eines haben die 11 Teilnehmer des Projektes „Mediencenter“ des Jobcenter Landkreis Heilbronn und dem Bildungsträger GSM Heilbronn, gemeinsam: Sie sind Bezieher von Arbeitslosengeld II-Leistungen – und damit aktuell nicht unbedingt auf der Sonnenseite des Lebens. Das dies nicht gleichzusetzen ist mit Perspektivlosigkeit, Resignation oder gar einer verminderten Leistungsfähigkeit haben diese 11 Menschen im Rahmen des „Mediencenters“, durchgeführt wurde, eindrucksvoll demonstriert.

Mediencenter… das hört sich eigentlich eher harmlos an, doch es steckt umso mehr dahinter. Kreativität, sich einlassen auf bisher Unbekanntes, sich etwas (zu-) trauen, Grenzen überschreiten, einfach „Machen“ – all das und noch viel mehr beinhaltete das Projekt, das vom Kieler Musikprofi Claudius Carstens, Inhaber der Medienproduktions-Agentur „Plattenmonster“ geleitet wurde. Auch für ihn, der in der Regel mit absoluten Profis zusammenarbeitet, war die Arbeit mit „Laien“ herausfordernd und bereichernd zugleich. „Vor allem den Prozess, die Gruppendynamik zu begleiten, ist immer sehr spannend für mich.“

Denn beim Start ist alles komplett ergebnisoffen. Klar ist nur, am Ende der sieben Tage wird ein mediales Produkt stehen. Das kann beispielsweise ein Hörbuch sein, ein Spielfilm, ein Musiktrack oder auch ein Comic. Die aktuelle Gruppe hat sich nach kurzer Diskussion für einen modernes „Hiphop“-, also Sprechgesangs-Musikvideo entschieden. Doch wichtig war den Teilnehmern, dieses auch mit einer Message zu verbinden, die in diesem Fall ein Zeichen gegen Diskriminierung sein sollte.

Natürlich, aufgrund der erwähnten Heterogenität der Gruppe gab es zu Beginn kleinere Konflikte. „Das ist aber auch wichtig. Nur so können sich das gewünschte Rollenspiel und die notwendige Gruppendynamik entwickeln. Das Team hat sich aber wahnsinnig schnell gefunden und konnte sich schnell mit der Aufgabenstellung identifizieren“, erläutert „Projektleiter“ Claudius Carstens.

Schnell wurde dann der Ehrgeiz geweckt. „Die meisten Menschen wissen gar nicht, was sie leisten können“, erklärt Carstens weiter. „Daher ist es ein wichtiger Inhalt des Projektes, den Teilnehmern zu vermitteln, dass viel mehr in ihnen steckt, als sie sich sogar selbst zutrauen, und das in einem Umfeld, das Spaß macht.“ Kein Wunder, so mancher Teilnehmer hatte zunächst ein mulmiges Gefühl, als er den Medien-Raum mit modernsten Studio-Gerätschaften, PC´s, Video-Kameras… erblickte.

Wie also 11 Teilnehmern, die noch nie mit komplexen Programmen wie Photoshop, Cubase, Reason und Co. umgegangen sind, die Berührungsängste nehmen? „Es geht um Spaß. Sie lernen die Grundfunktionen, die gar nicht so kompliziert sind, wie man denkt, spielerisch, also durch „Quatschmachen“. Danach verfeinern sie dann nach und nach ihr Wissen“, so Claudius Carstens. Zudem mache es den Einstieg leichter, dass sofort mit der aktiven Arbeit begonnen wird. Klar, ein Ergebnis binnen sieben Tag zu erstellen ist schließlich auch sehr ambitioniert.
 
Rasch entstehen dann Text und Beat, das Video wird an bekannten und prägnanten Locations in Heilbronn gedreht. Am letzten Tag feilen die Teilnehmer teilweise bis nach 22 Uhr am Endergebnis – die Eigenidentifikation mit dem Projekt ist riesig. „Der gegenseitige Respekt hat das Projekt getragen“, so Claudius Carstens. „Der Spaß und die gemeinsamen Erlebnisse haben das Team zusammengeschweißt. Wir haben unheimlich viel zusammen gelacht, ohne das Ziel aus den Augen zu verlieren.“

Das Endergebnis von Claudius Carstens und der Gruppe ist dann eine DVD, mit einem längeren Intro, das spezielle Momente der Arbeit repräsentiert, dem Track selbst, jeder Menge Bilder sowie einem professionellen Coverdesign. Das Musikvideo selbst ist von einer Qualität, dass man es sich selbst bei Musiksendern wie MTV oder Viva vorstellen könnte.

Mitte Juni 2017 dann der große Moment, die DVD soll mit allen Teilnehmern im Jobcenter Landkreis Heilbronn dessen Mitarbeiter präsentiert werden. Zu Beginn der Veranstaltung ist die Unsicherheit auf beiden Seiten greifbar. Doch mit jeder Sekunde des hoch professionellen Videos verbessert sich die Stimmung. „Das ist für mich mit das Tollste zu sehen, wie sich der gegenseitige Respekt zwischen Jobcenter-Mitarbeitern und den Teilnehmern von Minute zu Minute erhöht.“ So bezieht Claudius Carstens alle seine Schützlinge aktiv in die Präsentation mit ein und baut damit ein weiteres Hemmnis bei ihnen ab. Am Ende der Präsentation will der Applaus kaum enden.

„Ich hätte gar nicht gedacht, dass es so gut wird“, die Aussage von „Vorrapper“ Matze trifft es auf den Punkt. Kein einziger der Teilnehmer hätte sich wohl zugetraut, Teil eines Teams zu sein, das ein solch tolles und kreatives Endprodukt erschafft.

Doch wo ist der Nutzen in Bezug auf den Arbeitsmarkt? Kurzfristige Erfolgserlebnisse tun gut, natürlich, aber gibt es auch eine nachhaltige Wirkung des Projektes? Ja, definitiv. Denn transportiert auf die Arbeitswelt ist die klare Botschaft: „Yes we can!“ So können jene elf Menschen also nicht nur stolz auf ihre Produktion sein, sondern auch mit nachhaltigem Selbstvertrauen an die Stellensuche gehen. Denn sie wissen, in ihnen steckt viel mehr, als sie selbst, aber vielleicht auch ihr Umfeld, dachte – und das wird ihr zukünftiges Handeln auch in punkto Stellensuche prägen. Denn das ist letztendlich, was sie wollen und um was es geht: Eine Arbeit finden, „under the same sky.“